Ein Wein – vier Impressionen

Vier der besten österreichischen & deutschen Sommeliers verkosten Sauvignon Blanc Welles 2010.

2010 war der erste Jahrgang „made by Katharina Tinnacher“. Kein leichtes Weinjahr. Der strenge Winter wurde von einem ansprechenden Frühlingsbeginn 2010 abgelöst, dem aber bald nasse und kühle Monate folgten. Nach einer wechselhaften Blüte war die Freude über einen warmen Juli nur von kurzer Dauer, August und September waren wieder von zahlreichen Regenfällen geprägt. Das Weinjahr war prädestiniert für einen frischen und schlanken Weintyp, wer allerdings bis Oktober wartete – und damit erhebliche Ernteeinbußen in Kauf nahm – konnte durchaus reifere Trauben mit dicht gebündelter Struktur und sehr spannender Aromatik ernten. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte das Weinjahr 2010 seinen schlechten Ruf bereits weg – vom „Arschjahr“ war in den Medien die Rede und familienintern gab es im Hause Lackner-Tinnacher einige Diskussionen, ob der Sauvignon Blanc Welles 2010 überhaupt veröffentlicht werden könne, ohne vom Vorurteil des schwierigen Jahrgangs überschattet zu werden?

Schließlich überzeugte damals der Wein und die Neugierde auf seine Entwicklung. Denn gerade die vermeintlich kleinen Jahre bringen oft die spannendsten Weine hervor. Sechs Jahr sind seitdem vergangen, ein guter Zeitpunkt um ein Resümee über das Potential und die Lagerfähigkeit des Weines einzuholen. Einige der besten österreichischen und deutschen Sommeliers haben eine Flasche des 2010er  Welles aus dem Archiv von Katharina Tinnacher erhalten und verkostet.

Prost! Gerhard Retters Weinkeller in der Fischerklause ist legendär.

G E R H A R D   R E T T E R  /  H A M B U RG – B E R L I N
Aufgewachsen in einem traditionellen österreichischen Wirtshaus,
kommt der Steirer Gerhard Retter durch ein spontanes Vorsprechen
im »Aubergine« als Sommelier zu Jahrhundertkoch Eckart
Witzigmann. Es folgten viele weitere Stationen im In- und Ausland,
wie bei Gordon Ramsay in London, Fredy Girardet in Lausanne
und im Adlon in Berlin. Gemeinsam mit seiner Frau Claudia führt
er heute die „Fischerklause“ am Lütjensee in der Nähe von Hamburg
– mit Haubenküche und legendärem Weinkeller. Seit 2013
gibt der mehrfach ausgezeichnete Sommelier zusätzlich mit der
„Cordobar“ den Ton in Berlin an.

Also kurz und knapp: Bomben-Wein!!! Chapeau! Helles Strohgelb, blitzsauber und klar. Gleich nach dem Öffnen und Eingießen verströmt der Welles einen überaus zarten, finessenreichen Duft mit Anklängen von Holunderblüte, Zitronenmelisse, Grapefruit und feinsten rauchigen Noten. Wie eine Seerose in den ersten Strahlen der Morgensonne entfaltet sich das unwahrscheinlich komplexe Bukett zaghaft, aber beständig. Am Gaumen runden Anklänge an Anis, Mango, Fenchel und Lorbeer das Bukett ab. Der Wein ist enorm druckvoll, dicht und komplex im Mund, getragen von einer kühlen, subtilen, wieder fast rauchigen Struktur mit perfekter Balance zwischen Frucht, Gerbstoff, Alkohol und dem notwendigen Maß an Säure. Im Abgang bleibt eine angenehme reife, aber gar nicht überreife Frucht, gepaart mit einer gewissen Salzigkeit, die Speichelfluss erzeugt – es fällt einem nicht leicht, das Glas abzusetzen.

Ein Wein dieses Kalibers schafft es nicht immer, süffig zu bleiben, hier jedoch ist die animierende Frische, gepaart mit der Klarheit und Präzision der Aromen der Beweis, dass sich Anspruch und Trinkfreudigkeit im Idealfall nicht im Geringsten ausschließen, ganz im Gegenteil! Nichts in diesem Wein ist laut, nichts in diesem Wein ist zu viel, nichts zu wenig! Leise Töne, die letztlich ein Gesamtkunstwerk abgeben. Dieses erschließt sich nur demjenigen, der dem Wein gibt, was er verdient: Zeit, Aufmerksamkeit und das Beste was die Welt der Glaskultur herzugeben imstande ist! Auch ist es wirklich kein Fehler den Wein zu karaffieren. Als Selbstschutz würde ich vorschlagen, stets zwei Flaschen zu öffnen. Eine können Sie gleich trinken und so den Wein beim Erblühen begleiten. Die zweite Flasche geben Sie in eine schmale Karaffe und lassen ihn dort atmen. Wenn Sie mit der ersten Flasche fertig sind, werden sie glauben, sie sind im Sauvignon-Himmel… wenn Sie dann den Wein aus der Karaffe probieren, wird schnell klar, warum man vom siebten Himmel spricht…

Natürlich gibt es viele Stilistiken des perfekten Sauvignon Blanc, Geschmäcker sind ja auch bekanntlich verschieden, nur wenn es ein Wein wie der Welles von Katharina schafft so ausdrucksstark und charaktervoll zu sein, ohne seine Herkunft zu verleugnen oder gar sich dem Kitsch zu ergeben, dann bleibt einem keine Wahl: Man muss unweigerlich und demütig den Hut ziehen vor der Fähigkeit, das Potenzial einer großen Lage ungekünstelt in die Flasche zu bringen! Selten ist man lieber Steirer! Und noch was: Trinken Sie ihn zu weißem Fisch mit frischem Gemüse, hellem Fleisch mit Kräutern oder einfach für sich. Nur niemals alleine!
Denn Glück ist bekanntlich das Einzige, das sich vermehrt, wenn man es teilt!

Ein Mann mit Profil: Christian Zach hat einen profunden Gaumen und allein seine fantastische Weinkarte ist eine Extra-Reise in die Südsteiermark wert.

C H R I S T I A N   Z A C H  /  S Ü D S T E I E R M A R K
Christian Zach ist der Lage Welles räumlich am nächsten – von
Gamlitz ist es nur ein Katzensprung bis zur „Weinbank“ in Ehrenhausen.
Dieses Restaurant und Wirtshaus führt er nach gemeinsamen
Jahren im legendären Kreuzwirt mit Spitzenkoch Gerhard
Fuchs und zeigt vinophile Flagge mit einer der größten Weinkarten
Österreichs. Seit vielen Jahren schon stimmt er die Weine perfekt
auf die anspruchsvolle Küche seines langjährigen Wegbegleiters
Gerhard Fuchs ab. Und er ist unbestritten einer der besten und
innovativsten Sommeliers des Landes, mit einer ganz und gar
nicht versteckten Leidenschaft für steirische Tropfen.

Sicher kein Wein für Blindverkostungen! Aber für echte Weinliebhaber…
Glücklich der, der noch genug davon im Keller hat! Dieser Wein ist ein Paradebeispiel für einen perfekten steirischen Sauvignon Blanc! Katharina Tinnacher hat 2010 erstmals die Gesamtverantwortung übernommen, aber die klassische Tinnacher-Linie weitergeführt. Schon die Weine des Vaters waren stets zeitlos elegant, finessenreich, engmaschig und feingliedrig, und nie vordergründig oder gar
laut. Die erstmals angewandte Spontanvergärung (die ich übrigens für die einzig Richtige halte, um einen eigenständigen Wein zu produzieren!) fand wieder Einzug.

Der Jahrgang 2010 wurde in der Weinwelt schnell abgestempelt, wobei in der Steiermark eigentlich in diesem kühlen Jahr Weine mit perfekter Struktur und brillanter Säure für eine schier unendliche Lagerung gekeltert wurden. Ich habe  diesen Jahrgang immer schon geliebt, weil die Weine nicht von Wucht und Alkohol, sondern von ihrer subtilen Finesse geprägt sind. Meine erste Kostnotiz vom Februar 2011 spricht daher von einem Wein in ansprechendem Grüngelb, von komplexer gelber Frucht, fein mineralisch, dicht und weich am Gaumen, gewaltiger Länge mit vibrierender Säure, feinem Zitrus und Gerbstoff, engmaschig und lang! Fantastisch und ich sagte ihm ein ewig langes Leben voraus! (95 P) Die zweite Verkostung im Februar 2016 zeigt nun helles Gelbgold, extrem feingliedrige, nervige Nase, tropische und gelbe Früchte, vegetabil und auch ein wenig floral. Der Wein ist kompakt am Gaumen, engmaschig, dicht, etwas verschlossen und reduziert; mineralisch eng, mit gutem Gerbstoff und gewaltigem Druck am Gaumen, aber mit Finesse, etwas luftig im Abgang. (94 P)
Ein sehr junger Wein, ab besten trinkt man ihn ab 2022. Mit Gerhard Fuchs servieren wir zum Sauvignon Blanc Welles 2010 etwa im Olivenöl pochiertes Filet von der Seeforelle in Safran Nage, Salatgurke, weißem Speck und  Vogelmiere sowie Borretsch-Blüten oder rosa gebratenen Rehrücken mit zweierlei Kerbelknolle und zweierlei Vogerlsalat.

René Antrag bringt die verborgensten Schätze der Weinwelt besten Restaurant Österreich auf den Tisch.

R E N É   A N T R A G  /  W I E N
Der junge Deutsche René Antrag ist der charmante Shooting-Star
der Sommelierszene. Seit 2008 werkt der Rolling-Pin-Sommelier
des Jahres 2015 im besten Restaurant Österreichs – dem Steirereck
in Wien. Wenn er sich nicht gerade für Käse begeistert –
immerhin ist er auch ausgebildeter Käsesommelier – beweist er
dort sein großes Weinwissen und entführt seine Gäste in Regionen
und zu Weingütern, die nur echten Experten vertraut sind, mit
feinsinnigem Gespür für spannende, individuelle Weine abseits
vom Mainstream.

Was für eine großartige Premiere – Katharinas erster Sauvignon Blanc „Welles“, Jahrgang 2010!
Im wahrsten Sinn des Wortes könnte man von Liebe auf den ersten Blick sprechen, denn dieser Wein erfreut allein schon das Auge. Er strahlt im Glas in einem zarten Gelb, durchzogen von leicht grünlichen Reflexen, wirkt sehr transparent und jugendlich. Und dann der erste Schluck. Ein sehr vitaler Wein, Anklänge von reifen Stachelbeeren teilen sich mit, etwas grüne Passionsfrucht und saftige Honigmelone. Der Wein ruht in sich, und hat er schließlich etwas Luft bekommen, zeigen sich feine Anklänge von Menthol, Grapefruit und kandierten Limetten zum Vorschein. Er verkörpert einen femininen Stil mit sehr vielen floralen Noten wie etwa Jasmin, die zart grasigen Einflüsse verleihen ihm Leichtfüßig- und Jugendlichkeit. Besonders lebendig der Säurebogen, der zarte Fruchtschmelz bleibt lange auf dem Gaumen erhalten. Und dann kommt’s zur Explosion von Aromen wie kandierten Limetten, Passionsfrucht, Litschi und reifen Stachelbeeren. Dieser Wein wirkt aber nicht, wie häufig der Fall, üppig und ausladend, vielmehr besticht er mit Leichtigkeit, gepaart mit Kraft und Komplexität. Die schon in der Nase spürbaren Anklänge von Gras und Minze wirken extrem animierend und zeigen, wie ausgewogen und nahezu perfekt die Balance zwischen der Reife der Trauben und der nötigen Trinkfreudigkeit getroffen wurde. Der Wein wird mit jedem Schluck präziser und engmaschiger und sorgt mit einer zart rauchigen Textur für sehr viel Pikanz, ohne dabei an Charme einzubüßen.

Katharinas Herr „Welles“ – oder besser gesagt Katharinas Frau „Welles“ – steht am Anfang ihrer Entwicklung und birgt unfassbar viel Spannung in sich. Sie braucht Zeit, um sich freizuspielen, wobei sie jetzt schon Spaß macht und noch weitere Jahre machen wird. Ein Paradebeispiel für einen großen Wein, der nicht immer nur von Alkohol und Kraft dominiert werden muss, sondern die richtige fokussierte und reduzierte Konzentration von Ausdruck und Balance darstellt.

Vielen Dank, Katharina, für diesen Einblick in deinen ersten Sauvignon Blanc „Welles“ – ich freue mich auf und über viele weitere Jahrgänge!

Dieser Mann weiß einfach alles über Wein: Alexander Koblinger

A L E X A N D E R   K O B L I N G E R  /  S A L Z B U RG
Alexander Koblinger ist ein wandelndes Weinlexikon, ohne Zweifel einer der besten
Sommeliers im deutschsprachigen Raum, fünf Mal als Sommelier des Jahres in
Österreich ausgezeichnet und seit 2011 auch Master Sommelier – ein Titel, den nur
wenige seiner Zunft tragen dürfen. Nach Stationen in Las Vegas, in Birmingham
und im legendären Burj Al Arab in Dubai landete der Wirtssohn aus dem oberösterreichischen
Hinterstoder 2005 mehr oder weniger zufällig bei den Gebrüdern
Obauer in Werfen. Seine neuestes Projekt: taste·outside·THE·BOX, eine Auswahl
von Weinen mit gemeinsamem Nenner – Rebsorte, Jahrgang, Gebiet oder Lage –
zum Querverkosten in einer Box.

Der Sauvignon besticht alleine schon durch sein brillantes, funkelndes Strohgelb im Glas und macht Gusto auf ein erstes Hineinriechen ins Weinglas. Am Anfang noch leicht verschlossen, eröffnet sich nach ein paar kurzen Momenten im Glas ein fantastischer Aromabogen. Bereits ohne zu schwenken offenbart sich eine elegante Rauchigkeit mit kühler Kräuteraromatik, unterlegt mit rosa Grapefruit-Zesten. Bei kurzem Schwenken des Glases gesellen sich reife, exotische Aromen wie gelbe Mango, Passionsfrucht, Honigmelone und mittelreife Ananas dazu, aber auch „grüne“ Aromen wie Stachelbeere, weiße Ribisel und Brennessel.
Am Gaumen tritt zuerst wieder die ungemein frische Kräuteraromatik hervor. Auch die Rauchigkeit findet sich wieder, begleitet von einer beeindruckenden Mineralität und Salzigkeit. Der mittelkräftige Alkohol kombiniert mit einer frischen Säure und den Aromen von weißer Ribisel, Cassis, rosa Grapefruit, Stachelbeere, etwas grünem Paprika und Brennessel ergeben einen ungemein trinkfreudigen und vielschichtigen Weißwein. Der extrem lange, frische, ja salzige Abgang verspricht auch für die Zukunft dieses – jetzt noch geradezu kindlichen – sechs Jahre alten Weißweines Großes.

Der 2010 Welles ist ein Paradebeispiel des kühlen Jahrganges 2010. Katharina Tinnachers fantastisches „Erstlingswerk“ wird auch in den folgenden Jahrgängen für Begeisterung sorgen. Die Philosophie des Hauses, kompromisslos nur mit eigenem Traubenmaterial zu arbeiten und auf jeglichen Zukauf zu verzichten, wird erfreulicherweise von Katharina weitergeführt. Als Resultat können sich Weingenießer ein Bild der einzelnen Lagen erriechen und erschmecken. Sehr, sehr wenige Betriebe verstehen es, so gekonnt die Eigenheiten und Vorzüge der verschiedenen Lagen und Böden in die Flasche bzw. ins Glas zu bringen.

Dieser Sauvignon Blanc, temperiert serviert in einem größeren Weinglas, ist wie geschaffen für einen rohen, gebeizten Alpenlachs mit Grapefruitmarmelade und Kren.